Es gibt Menschen, die mit Schrift gestalten. Und es gibt Menschen, die Schrift benutzen müssen.
Designer und Designerinnen sprechen gerne über Typografie. Über Laufweiten, x‑Höhen, optischen Randausgleich und die Frage, ob eine Schrift wirkt. Nutzende hingegen möchten meistens nur eines: den Text lesen.
Zwischen diesen beiden Welten entsteht ein erstaunlich großes Missverständnis.
Denn Typografie ist nicht nur Gestaltung. Typografie ist Zugänglichkeit. Und manchmal entscheidet sie darüber, ob Informationen verstanden werden – oder eben nicht.
Eine Website kann technisch perfekt barrierefrei sein. Alle Bilder haben Alternativtexte, die Tastaturbedienung funktioniert und der Kontrast erfüllt die WCAG-Anforderungen. Wenn die Texte anschließend in einer schwer lesbaren Typografie präsentiert werden, hilft das vielen Menschen trotzdem nur begrenzt weiter.
Barrierefreiheit beginnt nicht erst im Code. Sie beginnt oft schon bei der Schrift.
Die schönste Schrift ist wertlos, wenn niemand sie lesen kann
Viele Gestaltungsentscheidungen werden aus ästhetischen Gründen getroffen. Das ist verständlich. Schließlich soll eine Website professionell aussehen.
Problematisch wird es, wenn die Gestaltung wichtiger wird als die Lesbarkeit.
Typische Beispiele:
- graue dünne Schrift auf weißem Hintergrund
- zu kleine Schriftgrößen
- sehr lange Textzeilen
- enge Zeilenabstände
- Versalien über mehrere Zeilen
- dekorative Schriften für Fließtexte
Auf einem hochauflösenden Monitor oder im Druck mögen solche Entscheidungen elegant wirken. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Legasthenie oder altersbedingten Einschränkungen können sie jedoch zu einer echten Hürde werden.
Die Folge: Der Inhalt ist vorhanden, wird aber nicht wahrgenommen.
Das ist ungefähr so sinnvoll wie ein Straßenschild, das zwar korrekt aufgestellt wurde, dessen Schrift aber nur aus zwei Metern Entfernung lesbar ist.
Schriftgröße matters
Noch immer begegnet man Websites mit Fließtexten von 14 Pixeln oder weniger.
Technisch mag das funktionieren. Praktisch bedeutet es für viele Menschen unnötige Anstrengung.
Aktuelle Empfehlungen liegen meist zwischen 16 und 20 Pixeln für Fließtexte.
Das bedeutet nicht, dass alles riesig dargestellt werden muss. Es bedeutet lediglich, dass Nutzer nicht ständig zoomen oder die Augen zusammenkneifen müssen.
Wenn Besucher eine Website lesen wie einen Sehtest beim Augenarzt, stimmt meistens etwas nicht.
Die Sache mit den Zeilenlängen
Ein weiterer Klassiker sind endlos breite Textblöcke.
Der Blick wandert ans Ende einer Zeile und sucht anschließend den Anfang der nächsten. Je länger die Zeile, desto schwieriger wird diese Orientierung.
Besonders auf großen Monitoren entstehen schnell Textzeilen mit 120 oder mehr Zeichen.
Empfehlenswert sind etwa 50 bis 80 Zeichen pro Zeile.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Tatsächlich kann eine angemessene Zeilenlänge die Lesbarkeit deutlich verbessern.
Wer jemals versucht hat, einen Roman in einer einzigen extrem breiten Textspalte zu lesen, kennt das Problem. Die Augen werden schnell müde und der Geist gleich mit.
Zeilenabstand ist kein Luxus
Viele Texte wirken gedrängt, weil Zeilen zu dicht beieinander stehen.
Unser Gehirn benötigt jedoch etwas Luft zwischen den Zeilen, um Informationen schneller erfassen zu können.
Ein Zeilenabstand von etwa 1,5 hat sich in vielen Anwendungsfällen bewährt.
Das sorgt nicht nur für eine bessere Lesbarkeit, sondern oft auch für eine ruhigere und hochwertigere Anmutung.
Mit anderen Worten: Mehr Platz verbessert häufig sowohl die Ästhetik als auch die Zugänglichkeit.
Nicht jede schöne Schrift ist eine gute Schrift
Manche Schriften sind hervorragend für Logos geeignet.
Das bedeutet nicht automatisch, dass sie sich für längere Texte eignen.
Dekorative Schriften, handschriftliche Fonts oder stark stilisierte Typografien können bereits nach wenigen Zeilen anstrengend werden.
Für Fließtexte haben sich gut lesbare Sans-Serif-Schriften wie Fira Sans, Source Sans, Inter oder Atkinson Hyperlegible (für Legastheniker:innen) bewährt. Besonders die Atkinson Hyperlegible wurde speziell entwickelt, um Zeichen besser voneinander unterscheidbar zu machen. Sie ist allerdings sehr dunkel im Schriftbild und für Viellesende ungewohnt.
Der “I‑l-1-Test” kann sehr hilfreich sein, denn für viele Menschen sehen „I“, „l“ und „1“ eben nicht so unterschiedlich aus, wie Designende manchmal glauben. Diese Zeichen sollten gut voneinander unterschieden werden können.
Warum Kontrast mehr ist als Schwarz auf Weiß
Wenn von Barrierefreiheit gesprochen wird, fällt fast sofort das Thema Kontrast.
Zu Recht.
Allerdings bedeutet guter Kontrast nicht zwangsläufig schwarze Schrift auf weißem Hintergrund.
Entscheidend ist, dass sich Vorder- und Hintergrund ausreichend voneinander unterscheiden.
Die WCAG definiert hierfür klare Mindestwerte. Diese können gemessen werden. Zum Beispiel hier: Farbchecker.
Viele moderne Designs arbeiten jedoch bewusst mit sehr hellen Grautönen, um leichter oder edler“zu wirken. Das allseits beliebte Cyan als Hausfarbe findet sich auch sehr oft in Überschrieften.
Das Problem: Was elegant aussieht, verschwindet für manche Nutzer beinahe vollständig.
Barrierefreiheit gewinnt momentan selten Designpreise. Sie sorgt aber dafür, dass Inhalte tatsächlich gelesen werden.
Typografie ist auch Inklusion
Wenn wir über digitale Barrierefreiheit sprechen, denken viele zuerst an Screenreader oder Tastaturnavigation.
Das sind wichtige Themen.
Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Frage, ob Menschen Inhalte überhaupt komfortabel lesen können.
Gute Typografie hilft:
- Menschen mit Sehbeeinträchtigungen
- Menschen mit Legasthenie
- älteren Nutzern
- Menschen mit Konzentrationsschwierigkeiten
- Menschen, die Inhalte auf mobilen Geräten lesen
Und letztlich allen anderen auch.
Das ist das Interessante an Barrierefreiheit: Maßnahmen, die einigen Menschen helfen, verbessern oft die Nutzung für alle.
Praktische Tools für den Typografie-Check
Wer die Lesbarkeit seiner Website überprüfen möchte, kann mit folgenden Werkzeugen beginnen:
WAVE
Prüft Kontraste und grundlegende Accessibility-Probleme direkt auf Webseiten.
Lighthouse
In Chrome integriert und ideal für erste Analysen.
Accessibility Insights
Hilft bei manuellen und automatisierten Accessibility-Tests.
Stark
Beliebtes Tool für Designer zur Prüfung von Farbkontrasten und Lesbarkeit.
Fazit
Typografie wird häufig als gestalterisches Detail betrachtet. Tatsächlich gehört sie zu den wichtigsten Werkzeugen digitaler Barrierefreiheit.
Denn Inhalte sind nur dann zugänglich, wenn sie gelesen, verstanden und verarbeitet werden können.
Eine gute Schrift macht eine Website nicht automatisch barrierefrei.
Eine schlechte Schrift kann sie jedoch erstaunlich schnell unzugänglich machen.
Oder anders gesagt:
Niemand verlässt eine Website, weil die Zeilenhöhe zu großzügig war. Menschen verlassen Websites, weil Lesen anstrengend wird.
Digitale Barrierefreiheit mit amselrehhase
Bei amselrehhase beschäftigen wir uns mit:
- barrierefreiem Webdesign
- WCAG-konformer Gestaltung
- Accessibility-Checks
- barrierefreien PDFs
- Typografie & Lesbarkeit
- Schulungen rund um digitale Barrierefreiheit
Denn gutes Design sollte nicht nur schön aussehen.
Es sollte funktionieren.
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amselrehhase | 22.06.2026
Vereinfachte Zusammenfassung
Gute Typografie hilft allen Menschen, Texte leichter zu lesen. Dazu gehören eine ausreichend große Schrift, gute Kontraste, passende Zeilenabstände und gut lesbare Schriftarten. Schlechte Typografie kann Menschen mit Sehschwächen, Legasthenie oder Konzentrationsproblemen das Lesen erschweren. Deshalb ist Typografie ein wichtiger Teil der digitalen Barrierefreiheit.



