Die gute Nachricht: Barrierefreiheit ist angekommen. Die schlechte Nachricht: Jetzt beginnt die Arbeit.
Als das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) näher rückte, herrschte in vielen Unternehmen eine Mischung aus Unsicherheit und Betriebsamkeit. Oder sie hatten noch nie davon gehört.
Websites wurden geprüft. Checklisten erstellt. Accessibility-Tools installiert. Manche Unternehmen handelten frühzeitig, andere warteten bis kurz vor Inkrafttreten. Wieder andere hofften offenbar auf ein Wunder. Und noch andere wussten nichts davon.
Ein Jahr später lässt sich ein erstes Fazit ziehen:
Die meisten Unternehmen wissen inzwischen, dass digitale Barrierefreiheit wichtig ist. Viele haben Maßnahmen umgesetzt. Fast alle haben unterschätzt, wie komplex das Thema tatsächlich ist.
Das BFSG hat die Diskussion verändert. Aus einer freiwilligen Empfehlung wurde eine konkrete Anforderung. Und genau dadurch wurden einige Missverständnisse sichtbar.
Was viele Unternehmen unterschätzt haben
Barrierefreiheit ist kein Projekt – sondern ein Prozess
Eine der häufigsten Erwartungen lautete:
„Wir machen unsere Website jetzt einmal barrierefrei und sind dann fertig.“
Das klingt vernünftig. Es funktioniert nur leider nicht.
Websites verändern sich ständig. Neue Inhalte werden veröffentlicht, Bilder ausgetauscht, PDFs hochgeladen oder Formulare ergänzt.
Jede dieser Änderungen kann neue Barrieren schaffen.
Barrierefreiheit verhält sich eher wie Datenschutz oder IT-Sicherheit. Niemand würde behaupten, man habe Datenschutz im Jahr 2025 erledigt und müsse sich nie wieder darum kümmern.
Warum sollte es bei Barrierefreiheit anders sein?
Die Technik war selten das größte Problem
Viele Unternehmen investierten zunächst in technische Prüfungen.
Das ist sinnvoll.
Dabei zeigte sich jedoch schnell, dass die größten Herausforderungen oft nicht im Quellcode lagen.
Sondern in den Inhalten.
Typische Beispiele:
- PDFs ohne korrekte Struktur
- Fehlende Alternativtexte
- Unverständliche oder keine Linktexte
- Schlechte Kontraste
- Komplizierte Formulare
- Fehlende Überschriftenhierarchien
Die Software konnte vieles messen.
Die eigentlichen Probleme entstanden häufig dort, wo Menschen Inhalte erstellen.
Der große Irrtum: Ein Tool macht die Website barrierefrei
Ein bemerkenswertes Phänomen der letzten Jahre war die Popularität sogenannter Accessibility-Overlays.
Die Idee klingt verlockend:
Ein kleines Widget wird installiert und die Website soll plötzlich barrierefrei sein.
Viele Unternehmen mussten feststellen, dass die Realität komplizierter aussieht.
Ein Overlay kann keine fehlenden Alternativtexte schreiben.
Es kann keine unverständlichen Inhalte vereinfachen.
Es kann keine fehlerhafte Dokumentstruktur reparieren.
Und es ersetzt keine barrierefreie Entwicklung.
Die Erkenntnis daraus ist wertvoll:
Barrierefreiheit entsteht nicht durch ein Plugin. Sie entsteht durch gute Gestaltung, saubere Entwicklung und durchdachte Inhalte.
PDFs bleiben die größte Baustelle
Wer im vergangenen Jahr Accessibility-Projekte begleitet hat, kennt das Muster.
Die Website besteht die meisten Prüfungen.
Dann kommt der Downloadbereich.
Plötzlich erscheinen:
- Broschüren
- Formulare
- Preislisten
- Geschäftsberichte
- Informationsblätter
Und viele davon erfüllen die Anforderungen nicht.
Besonders häufig treten Probleme auf bei:
- fehlenden Tags
- unzureichenden Lesereihenfolgen
- Tabellenstrukturen
- Formularfeldern
- Alternativtexten
Viele Unternehmen haben erst durch das BFSG erkannt, dass Barrierefreiheit nicht an der Website endet.
Ein PDF ist Teil des digitalen Angebots.
Und damit Teil der Verantwortung.
Über 90 Prozent aller PDF-Dokumente sind nicht barrierefrei. Aktuelle Studien der öffentlichen Hand zeigen, dass weniger als 10 Prozent der untersuchten Dokumente die grundlegenden technischen Anforderungen an Barrierefreiheit (wie den PDF/UA-Standard) erfüllen. Über die Hälfte weist sogar gravierende Fehler auf. So steht es im Bericht zur Barrierefreiheit von PDF-Dokumenten.
Was heute noch häufig scheitert
Barrierefreiheit wird an Einzelpersonen delegiert
In vielen Organisationen gibt es inzwischen eine Person, die „für Accessibility zuständig“ ist.
Das Problem:
Digitale Barrierefreiheit betrifft fast alle Beteiligten.
Designer gestalten Oberflächen.
Redakteure erstellen Inhalte.
Entwickler setzen Funktionen um.
Marketing veröffentlicht Kampagnen.
Wenn nur eine Person das Thema trägt, entsteht schnell ein Flaschenhals.
Erfolgreiche Unternehmen haben erkannt:
Barrierefreiheit ist Teamarbeit.
Schulungen werden unterschätzt
Eine weitere Erkenntnis:
Die meisten Accessibility-Probleme entstehen nicht aus bösem Willen.
Sondern aus Unwissenheit.
Wer nie gelernt hat, wie Überschriften strukturiert werden, wird Fehler machen.
Wer die Anforderungen an Alternativtexte nicht kennt, wird sie nicht korrekt erstellen.
Wer noch nie von PDF/UA gehört hat, kann keine barrierefreien PDFs produzieren.
Deshalb investieren viele Unternehmen inzwischen stärker in Schulungen als in Werkzeuge.
Eine gute Entscheidung.
Denn Wissen skaliert besser als jede Software.
Die Nutzerperspektive fehlt
Automatische Tests sind hilfreich.
Sie finden viele Fehler.
Sie finden aber nicht alle.
Ein Accessibility-Tool kann beispielsweise erkennen, ob ein Kontrastwert ausreichend ist.
Es kann jedoch nicht beurteilen, ob eine Navigation verständlich aufgebaut wurde.
Oder ob ein Formular tatsächlich einfach zu bedienen ist.
Unternehmen, die echte Nutzer einbeziehen, entdecken oft Probleme, die in keinem Prüfbericht auftauchen.
Barrierefreiheit ist letztlich keine technische Disziplin.
Sie ist eine Disziplin der Nutzung.
Die überraschende Erkenntnis nach einem Jahr BFSG
Die meisten Unternehmen berichten von einer Erfahrung, die anfangs kaum jemand erwartet hatte:
- Barrierefreiheit hilft nicht nur Menschen mit Behinderungen.
- Sie verbessert die Nutzung für alle.
- Bessere Navigation.
- Klarere Texte.
- Verständlichere Formulare.
- Sauber strukturierte Inhalte.
- Höhere Lesbarkeit.
- Schnellere Orientierung.
All das kommt sämtlichen Nutzern zugute.
Die Maßnahmen, die ursprünglich für mehr Teilhabe gedacht waren, führen häufig auch zu einer besseren User Experience.
Fazit
Ein Jahr nach Inkrafttreten des BFSG zeigt sich ein klares Bild:
Die größte Herausforderung war nie das Gesetz.
Die größte Herausforderung ist die Umsetzung im Alltag.
Unternehmen haben gelernt, dass Barrierefreiheit kein einmaliges Projekt ist. Sie haben gelernt, dass Tools allein nicht ausreichen. Und sie haben gelernt, dass gute Inhalte oft wichtiger sind als technische Perfektion.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet jedoch:
Digitale Barrierefreiheit ist keine zusätzliche Aufgabe neben guter Gestaltung und guter Nutzerführung.
Sie ist ein wesentlicher Bestandteil davon.
Oder anders gesagt:
Wer seine Website für möglichst viele Menschen nutzbar macht, macht sie meistens auch für alle anderen besser.
Digitale Barrierefreiheit mit amselrehhase
Bei amselrehhase beschäftigen wir uns mit:
- barrierefreiem Webdesign
- WCAG-konformer Gestaltung
- Accessibility-Checks
- barrierefreien PDFs
- Typografie & Lesbarkeit
- Schulungen rund um digitale Barrierefreiheit
Denn gutes Design sollte nicht nur schön aussehen.
Es sollte funktionieren.
Wir entwickeln und prüfen barrierefreie Projekte. Buchen Sie uns für barrierefreie Kommunikationsmittel! Schreiben Sie uns eine E‑Mail!
amselrehhase | 24.06.2026
Vereinfachte Zusammenfassung
Ein Jahr nach dem BFSG beschäftigen sich viele Unternehmen erstmals intensiv mit digitaler Barrierefreiheit. Dabei zeigt sich: Die größten Probleme liegen oft nicht in der Technik, sondern in Inhalten, PDFs und Arbeitsabläufen. Unternehmen lernen, dass Barrierefreiheit kein einmaliges Projekt ist, sondern dauerhaft mitgedacht werden muss.



