Seit einigen Jahren bin ich als berufene Prüferin der IHK Berlin für die Abschlussprüfungen der Mediengestalter*innen tätig.
Jedes Mal freue ich mich darauf, zu sehen, wie die nächste Generation Gestaltung versteht. Welche Ideen sie entwickelt. Welche Konzepte sie verfolgt. Welche Antworten sie auf die Herausforderungen unserer Zeit findet.
Und jedes Mal stelle ich mir dieselbe Frage.
Wo ist eigentlich die digitale Barrierefreiheit geblieben?
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Barrierefreiheit ist längst kein Nischenthema mehr.
Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, den WCAG, dem European Accessibility Act und einer immer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung gehört sie heute selbstverständlich zum Berufsalltag vieler Gestalterinnen und Gestalter.
Zumindest sollte sie das.
In den Abschlussarbeiten sehe ich jedoch häufig ein anderes Bild.
Barrierefreiheit wird gar nicht erwähnt.
Oder sie wird auf zwei Sätze reduziert.
Oder (und das finde ich fast noch problematischer) sie wird schlicht behauptet.
„Die gewählten Farben sind barrierefrei.“
Sind sie das?
Leider oft in der Anwendung nicht.
„Die Schrift ist gut lesbar.“
Warum?
Darauf bleibt die Antwort meistens aus.
Gestaltung ist keine Glaubensfrage
Mich irritiert dabei weniger, dass Fehler passieren. Fehler gehören zum Lernen.
Mich irritiert vielmehr, dass viele angehende Mediengestalter*innen ihre Entscheidungen überhaupt nicht begründen.
Warum gerade diese Schrift?
Warum dieser Zeilenabstand?
Warum dieser Kontrast?
Warum diese Schriftgröße?
Wer Gestaltung professionell betreibt, sollte auf solche Fragen Antworten haben.
Nicht, weil jede Entscheidung objektiv richtig sein muss.
Sondern weil sie bewusst getroffen wurde.
Barrierefreiheit beginnt nicht beim Prüfbericht
Digitale Barrierefreiheit bedeutet nicht, irgendwo am Ende einer Dokumentation noch schnell zu erwähnen, dass man auf Kontraste geachtet habe.
Sie beginnt viel früher.
Sie beginnt bei der ersten Skizze.
Bei der Wahl einer Schrift.
Bei der Farbpalette.
Bei der Frage, welche Informationen wirklich wichtig sind.
Barrierefreiheit ist kein zusätzlicher Arbeitsschritt.
Sie ist gutes Design.
Die gute Nachricht
In dieser Woche durfte ich drei Tage an einem Ausbildungsinstitut genau zu diesem Thema unterrichten.
Und das hat mich ehrlich gefreut.
Nicht, weil ich glaube, dass nach drei Tagen alle Expertinnen und Experten für digitale Barrierefreiheit sind.
Sondern weil das Thema überhaupt Raum bekommen hat.
Wir haben gemeinsam Kontraste gemessen, Alternativtexte diskutiert, Typografie hinterfragt und darüber gesprochen, warum Gestaltung immer auch Verantwortung bedeutet.
Vor allem aber haben wir gelernt, Entscheidungen zu begründen.
Denn genau das unterscheidet professionelle Gestaltung von Geschmack.
Es geht nicht (nur) um Vorschriften
Wenn ich über digitale Barrierefreiheit spreche, höre ich manchmal den Einwand:
“Dann darf man ja gar nichts mehr gestalten.”
Doch.
Man darf sogar sehr viel gestalten.
Man muss nur wissen, wann man bewusst Regeln bricht und wann man sie einfach nicht kennt.
Zwischen diesen beiden Dingen liegt ein großer Unterschied.
Mein Wunsch
Ich wünsche mir, dass digitale Barrierefreiheit in der Ausbildung nicht länger als Spezialthema behandelt wird.
Sie gehört genauso selbstverständlich dazu wie Typografie, Farbtheorie oder Gestaltungsraster.
Nicht, weil es ein Gesetz verlangt.
Sondern weil Gestaltung Kommunikation ist.
Und Kommunikation sollte möglichst viele Menschen erreichen.
Vielleicht werden zukünftige Abschlussarbeiten dann nicht mehr schreiben:
“Die Farben sind barrierefrei.”
Sondern:
“Die Kontraste erfüllen WCAG AA. Die Schriftgröße beträgt mindestens 16 Pixel, der Zeilenabstand 1,6 und die Schrift wurde aufgrund ihrer guten Lesbarkeit gewählt.”
Das wäre ein kleiner Satz.
Aber ein großer Schritt für unseren Berufsstand.
Digitale Barrierefreiheit mit amselrehhase
Bei amselrehhase beschäftigen wir uns mit:
- barrierefreiem Webdesign
- WCAG-konformer Gestaltung
- Accessibility-Checks
- barrierefreien PDFs
- Typografie & Lesbarkeit
- Schulungen rund um digitale Barrierefreiheit
Denn gutes Design sollte nicht nur schön aussehen.
Es sollte funktionieren.
amselrehhase | 16.07.2026
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Vereinfachte Zusammenfassung
Ich bin IHK-Prüfer für Mediengestalterinnen und Mediengestalter. In vielen Abschlussarbeiten spielt digitale Barrierefreiheit kaum eine Rolle. Oft schreiben die Auszubildenden, dass Farben oder Schriften gut lesbar sind. Sie erklären aber nicht, warum. Deshalb freue ich mich besonders, dass ich drei Tage lang an einem Ausbildungsinstitut über digitale Barrierefreiheit unterrichten durfte. Ich wünsche mir, dass dieses Thema fester Bestandteil jeder Ausbildung wird.



