Dieter Rams hat nie eine Website gestaltet.
Er hat nie über WCAG gesprochen.
Er hat keine Alternativtexte geschrieben und vermutlich auch nie darüber nachgedacht, ob ein Cookie-Banner per Tastatur bedienbar ist.
Und trotzdem glaube ich, dass er zur digitalen Barrierefreiheit eine ziemlich klare Haltung hätte.
Gutes Design ist…
Fast jeder Designer kennt sie. Die zehn Thesen für gutes Design. Beispielsweise:
- Gutes Design ist innovativ.
- Gutes Design ist verständlich.
- Gutes Design ist unaufdringlich.
- Gutes Design ist langlebig.
Und natürlich der Satz, der bis heute auf unzähligen Moodboards steht:
„Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.“
Interessant ist, dass Dieter Rams nie von Barrierefreiheit sprach.
Er musste es auch nicht.
Denn vieles von dem, was wir heute unter digitaler Barrierefreiheit verstehen, steckt bereits in seinen Prinzipien. Das vergleiche ich konkret am Ende des Artikels.
Verständlich statt beeindruckend
Die digitale Welt liebt Effekte.
Animationen.
Parallax-Scrolling.
Videos im Hintergrund.
Scroll-Effekte, bei denen man sich fragt, ob die Website gerade lädt oder bereits fertig ist.
Dieter Rams hätte vermutlich freundlich genickt.
Und dann gefragt:
„Hilft das dem Menschen?”
Diese Frage ist erstaunlich aktuell und passt perfekt zum Ansatz der digitalen Barrierefreiheit.
Weniger ist oft mehr
Viele Accessibility-Probleme entstehen nicht, weil Designerinnen und Designer zu wenig gestalten.
Sondern weil sie zu viel gestalten.
Noch eine Animation.
Noch ein Schatten.
Noch ein Verlauf.
Noch ein Button.
Noch ein Icon.
Noch ein Cookie-Banner über dem Cookie-Banner.
Nicht alles, was möglich ist, verbessert die Benutzererfahrung. Im Gegenteil. Oft macht es sie komplizierter.
Rams hätte das vermutlich mit einem Satz beantwortet:
Weniger Gestaltung. Mehr Orientierung.
Ehrlichkeit
Eine meiner liebsten Thesen von Dieter Rams lautet:
„Gutes Design ist ehrlich.“
Ich muss dabei oft an Websites denken, auf denen Buttons aussehen wie Überschriften.
Oder Überschriften wie Buttons.
Oder Links gar nicht mehr wie Links.
Man muss sie anklicken, um herauszufinden, ob sie anklickbar sind.
Das mag überraschend sein. Ehrlich ist es nicht.
Digitale Barrierefreiheit lebt von Klarheit. Nicht von Rätseln.
Gute Gestaltung ist inklusiv
Dieter Rams hat diesen Satz nie gesagt.
Aber ich bin überzeugt, dass er ihn unterschrieben würde.
Wenn Gestaltung Menschen ausschließt, erfüllt sie ihren Zweck nur teilweise.
Natürlich darf Kunst provozieren. Natürlich darf ein Konzertplakat schwer lesbar sein. Natürlich darf ein Magazin mit Typografie experimentieren.
Aber eine Website? Ein Online-Shop? Ein Buchungssystem? Eine Behördenseite?
Sie alle haben einen anderen Auftrag.
Sie sollen funktionieren.
Für möglichst viele Menschen.
Schönheit entsteht nicht trotz Barrierefreiheit
Immer wieder höre ich:
„Barrierefreiheit schränkt Gestaltung ein.”
Ich glaube das Gegenteil.
Sie zwingt uns dazu, bessere Entscheidungen zu treffen.
Warum genau diese Farbe? Warum genau diese Schrift? Warum dieser Abstand? Warum dieser Button?
Wer jede dieser Entscheidungen begründen kann, gestaltet bewusster. Und meistens auch besser.
Wahrscheinlich hat Rams nie über WCAG gesprochen
Er hat vermutlich auch keinen Accessibility-Report erstellt.
Aber ich glaube, er interessiert sich für etwas, das heute manchmal zwischen Normen, Gesetzen und Prüftools verloren geht.
Den Menschen.
Nicht den Browser. Nicht das Framework. Nicht den Lighthouse-Score.
Den Menschen.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Gemeinsamkeit zwischen Dieter Rams und digitaler Barrierefreiheit.
Beide stellen dieselbe Frage.
Ist diese Gestaltung wirklich für den Menschen gemacht?
Wenn wir diese Frage ehrlich beantworten, erledigen sich viele Accessibility-Probleme ganz von selbst.
Nicht alle.
Aber erstaunlich viele.
Ein konkreter Vergleich
Zu 5 Thesen von Dieter Rams fallen mir sofort Anforderungen an digitale Barrierefreiheit ein.
These 4: „Gutes Design macht ein Produkt verständlich.”
Digitale Barrierefreiheit: Inhalte müssen verständlich und wahrnehmbar sein.
These 5: „Gutes Design ist unaufdringlich.”
Digitale Barrierefreiheit: Keine überflüssigen Animationen oder Ablenkungen.
These 6: „Gutes Design ist ehrlich.”
Digitale Barrierefreiheit: Bedienelemente sollen sich erwartungsgemäß verhalten.
These 8: „Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.”
Digitale Barrierefreiheit: Accessibility ist kein nachträgliches Add-on.
These 10: „Gutes Design st so wenig Design wie möglich.”
Digitale Barrierefreiheit: Klare Informationsarchitektur und reduzierte Interfaces.
Falls Dieter Rams kein Begriff ist:
Dieter Rams (heute 94 Jahre) ist einer der Menschen, die unser Verständnis von gutem Design nachhaltig verändert haben. Als Chefdesigner von Braun entwickelte er Produkte, die nicht laut, sondern logisch waren. Seine berühmten zehn Thesen für gutes Design sind über fünfzig Jahre alt und wirken trotzdem aktuell. Gerade dann, wenn es um digitale Barrierefreiheit geht.
Sein Buch “Less but better” aus dem Jahr 1995 ist ein Klassiker für alle Designer.
Digitale Barrierefreiheit mit amselrehhase
Bei amselrehhase beschäftigen wir uns mit:
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- WCAG-konformer Gestaltung
- Accessibility-Checks
- barrierefreien PDFs
- Typografie & Lesbarkeit
- Schulungen rund um digitale Barrierefreiheit
Denn gutes Design sollte nicht nur schön aussehen.
Es sollte funktionieren.
amselrehhase | 10.08.2026
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