Was Unternehmen im ersten Jahr digitaler Barrierefreiheit gelernt haben
Vor einem Jahr trat das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft.
Viele Unternehmen reagierten darauf wie Menschen auf den ersten warmen Frühlingstag: Man wusste, dass er kommen würde. Man hatte monatelang darüber gesprochen. Und trotzdem waren einige überrascht.
Seitdem wurde geprüft, getestet, dokumentiert, diskutiert und zertifiziert. Es wurden Accessibility-Tools installiert, Workshops besucht und Prüfberichte erstellt. Es wurden hektische E‑Mails verschickt, Zuständigkeiten definiert und gelegentlich Menschen gefragt, was genau eigentlich ein Screenreader ist.
Ein Jahr später kann man sagen:
- Das Gesetz lebt.
- Die Webseiten auch.
- Und manche Probleme ebenfalls.
Die erste große Erkenntnis: Man kann Barrierefreiheit nicht kaufen wie einen Bürostuhl
Viele Unternehmen gingen an das Thema heran wie an eine neue Kaffeemaschine.
Man braucht eine.
Man bestellt eine.
Jemand installiert sie.
Fertig.
Leider funktioniert Barrierefreiheit nicht so.
Es stellte sich heraus, dass ein Widget auf der Website nicht automatisch sämtliche Probleme löst. Eine überraschende Erkenntnis, die für Menschen mit Behinderungen ungefähr so überraschend war wie Regen im November.
Trotzdem war die Hoffnung weit verbreitet:
„Wir installieren dieses Tool und dann ist die Website barrierefrei.“
Das war etwa so realistisch wie die Annahme, ein Fitnessarmband würde automatisch Sport treiben.
Die zweite Erkenntnis: Das Problem waren selten die Entwickler
Vor dem BFSG glaubten viele, Barrierefreiheit sei hauptsächlich eine technische Herausforderung.
Heute wissen wir:
Die Technik ist oft der einfachere Teil.
Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen dort, wo Inhalte entstehen.
In PDFs.
In Formularen.
In Tabellen.
In kryptischen Linktexten wie „Mehr erfahren“.
Oder in Überschriften, die aussehen wie Überschriften, aber technisch keine sind.
Der Quellcode war häufig besser vorbereitet als die Organisation selbst.
PDFs – die letzte Bastion des digitalen Widerstands
Wenn es einen Gewinner des ersten BFSG-Jahres gibt, dann ist es die PDF.
Kein anderes Dokument hat so konsequent bewiesen, dass man auch im Jahr 2026 noch kreative Wege finden kann, Informationen unzugänglich zu machen.
Viele Unternehmen investierten erhebliche Summen in ihre Websites.
Anschließend stellten sie dieselben Informationen als schlecht getaggte PDF-Datei zum Download bereit.
Das ist ungefähr so, als würde man einen barrierefreien Hauseingang bauen und direkt dahinter eine Leiter aufstellen.
Die erstaunliche Karriere des Alternativtextes
Kaum ein Begriff hat in den letzten Jahren einen solchen Aufstieg erlebt.
Früher wusste außerhalb spezialisierter Kreise kaum jemand, was ein Alternativtext ist.
Heute diskutieren Marketingabteilungen darüber.
Das allein ist bemerkenswert.
Weniger bemerkenswert sind manche Ergebnisse.
„Bild123_final_final_neu.jpg“ ist kein Alternativtext.
Ebenso wenig wie:
„Bild.“
Oder:
„Foto von Menschen.“
Die gute Nachricht ist: Viele Unternehmen beschäftigen sich inzwischen überhaupt mit dem Thema.
Die schlechte Nachricht ist: Manche Alternativtexte lesen sich, als wären sie von einer gelangweilten Büroklammer geschrieben worden.
Die dritte Erkenntnis: Accessibility-Tools sind keine Wahrsager
Automatische Prüfwerkzeuge sind nützlich.
Sie finden Fehler.
Viele Fehler.
Aber sie können nicht erkennen, ob Menschen etwas verstehen.
Ein Tool kann messen, ob ein Kontrastwert stimmt.
Es kann nicht beurteilen, warum jemand auf einer Website nicht findet, wonach er sucht.
Es kann prüfen, ob Überschriften vorhanden sind.
Es kann nicht beurteilen, ob die Struktur sinnvoll ist.
Und es kann ganz sicher nicht erkennen, warum ein Formular aussieht, als wäre es während eines Stromausfalls entworfen worden.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des vergangenen Jahres lautet deshalb:
Barrierefreiheit ist kein Prüfbericht.
Barrierefreiheit ist Nutzung.
Was Unternehmen wirklich unterschätzt haben
Nicht die Technik.
Nicht die Werkzeuge.
Nicht einmal die gesetzlichen Anforderungen.
Unterschätzt wurde vor allem die kulturelle Veränderung.
Plötzlich mussten Designer über Kontraste sprechen.
Redakteure über Struktur.
Marketingteams über Verständlichkeit.
Entwickler über Tastaturbedienung.
Und Führungskräfte über Verantwortung.
Mit anderen Worten:
Barrierefreiheit verließ die IT-Abteilung und tauchte überall dort auf, wo Entscheidungen getroffen werden.
Genau dort gehört sie hin.
Die vielleicht schönste Überraschung
Viele Unternehmen berichten nach einem Jahr von einer Erkenntnis, die eigentlich offensichtlich sein müsste.
Barrierefreiheit macht digitale Angebote besser.
Nicht nur für Menschen mit Behinderungen.
Für alle.
Bessere Navigation hilft allen.
Verständlichere Formulare helfen allen.
Lesbarere Texte helfen allen.
Klare Strukturen helfen allen.
Die meisten Accessibility-Maßnahmen sind erstaunlich unromantisch. Sie bestehen aus Dingen wie Ordnung, Klarheit und Verständlichkeit.
Eigenschaften, die selten schaden.
Fazit: Das Gesetz hat seinen Job gemacht
Das BFSG hat nicht alle Probleme gelöst.
Gesetze tun das selten.
Es hat aber etwas Wichtigeres erreicht:
Es hat dafür gesorgt, dass Unternehmen hinschauen.
Auf ihre Websites.
Auf ihre Dokumente.
Auf ihre Prozesse.
Und auf die Menschen, die digitale Angebote nutzen.
Herzlichen Glückwunsch also zum ersten Geburtstag, BFSG.
Du hast nicht dafür gesorgt, dass alles barrierefrei geworden ist.
Aber du hast dafür gesorgt, dass Ausreden deutlich schwerer geworden sind.
Und das ist für ein Gesetz bereits eine bemerkenswerte Leistung.
Das Gesetz zum Nachlesen
Wie viele Gesetzestexte ist auch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz für die konkrete Umsetzung nicht hilfreich. Es bietet keine Angaben zu PDF-Tags oder Aria-Label. Es schafft lediglich die Anforderungen, nach denen wir Designerinnen und Designer unsere Arbeit aufbauen müssen. Viel Spaß beim Lesen des BFSG auf der Webseite des BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales).
Und ein Lexicon
Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung stellt ein Lexikon
Digitale Barrierefreiheit mit amselrehhase
Bei amselrehhase beschäftigen wir uns mit:
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amselrehhase | 28.06.2026
Vereinfachte Zusammenfassung
Ein Jahr nach dem BFSG beschäftigen sich viele Unternehmen mit digitaler Barrierefreiheit. Die größten Probleme liegen oft nicht in der Technik, sondern in Inhalten, PDFs und Arbeitsabläufen. Unternehmen lernen, dass Barrierefreiheit kein einmaliges Projekt ist, sondern dauerhaft mitgedacht werden muss.



